Donnerstag, 5. Januar 2012

(6) WIEDERGEBURT


140.  Lässt sich die Brücke zwischen dem Tode eines Wesens und dem
         Augenblick seiner Neuwerdung - Geburt - nachweisen?

Ja. Es gehört zu den großen Entdeckungen des Buddha, dass ihm dieser Nachweis gelungen ist.[1]
Er sagt: Wenn ich nicht der Körper bin, dann war sein Anfang auch nicht mein Anfang und sein Ende wird nicht mein Ende, sondern nur das Ende des Körpers sein. Wie aber bin ich, das zeitlose Wesen, zu diesem Körper gekommen? Die allgemeine Antwort dürfte lauten: "Nun ja, durch Zeugung seitens meines Vaters und meiner Mutter."
Aber dagegen könnte man einwenden: "Was ging denn der von meinem Vater und meiner Mutter bereitete Keim mich an, mich, der ich schon vorher und davon unabhängig war? Doch wohl so wenig wie irgendein anderer Keim, der anderweitig bereitet wird. Somit ist klar, dass an dem Akt meiner Empfängnis auch ich selbst als Dritter beteiligt sein musste, infolge welcher Beteiligung dann eben jener von meinem Vater und meiner Mutter bereitete Keim zu meinem Keim und weiterhin meinem Körper wurde.

141.  Wie konnte der von meinen Eltern bereitete Keim zu meinem Keim werden?
Die Empfängnis ist nach dem Buddha ein Teilvorgang des allgemeinen Werdens überhaupt. Die Frage spitzt sich also dahin zu:
Wann wird überhaupt etwas mein? Wann wird zum Beispiel der Apfel an einem Baume mein Apfel? Doch wohl, wenn ich ihn mir zueigne, wenn ich ihn ergreife. Und wann eigne ich ihn mir zu, wann ergreife ich ihn? Wenn ich Verlangen nach ihm habe, d.h. also, wenn ich ihn will.
Hätte ich kein Verlangen nach ihm, dann würde es mir natürlich auch nicht einfallen, ihn zu ergreifen, und würde ich ihn nicht ergreifen, so würde er auch nicht in meine Gewalt übergehen, würde nicht zu meinem Apfel werden.

142.  So war also ich es, der den von meinen Eltern erzeugten Keim ergriff?

Ja. Er konnte nur dadurch zu meinem Keim werden, weil ich ihn ergriff, mich an ihn anklammerte mit der Folge, dass jener Keim, als er sich zu einem körperlichen Organismus ausbildete, dann zu meinem körperlichen Organismus wurde. Ich ergriff ihn, klammerte mich an ihn, aus dem gleichen Grunde, aus welchem ich einen Apfel ergreife. Es war mein Wille, mir auf diese Weise einen körperlichen Organismus aufzubauen, und zwar durch Aneignung des von meinem Vater und meiner Mutter bereiteten Keimes im Leibe meiner Mutter:
"Wenn Drei sich vereinen, bildet sich eine Leibesfrucht. Da sind Vater und Mutter vereint, und die Mutter hat ihre Zeit, und das Jenseitswesen[2] – nämlich ich selbst (Ich selbst als Puggala, als Individuum, das als solches verkoppelt ist mit Durst und Anhaften.) – bin bereit, so bildet sich durch der Drei Vereinigung eine Leibesfrucht." Majjh. 38

143.  Wie konnte der Wille in mir aufsteigen, der mich zur Keimergreifung führte?

Ich brauche den Körper, um Gestalten zu sehen, Töne zu hören, Düfte zu riechen, Säfte zu schmecken, Tastobjekte zu tasten und Vorstellungen zu denken, oder, was dasselbe ist, um die Welt empfinden und wahrnehmen zu können. Wenn ich also Verlangen, Willen nach einem Körper hatte und deshalb an dem von meinen Eltern bereiteten Keim, aus dem nachmals mein Körper erwuchs, haftete, so war jener Wille, jenes Verlangen in mir eben ein Wille und Verlangen, auf diese Weise die Erscheinungen der Welt empfinden und wahrnehmen zu können.
Nun konnte ich, ehevor ich mir meinen gegenwärtigen Körper beigelegt hatte, Verlangen, Sehnsucht nach diesen Erscheinungen der Welt aber doch nur haben, wenn ich sie bereits einmal empfunden und wahrgenommen hatte. Was ich nicht weiß macht mich nicht heiß. Daraus folgt, dass ich die Erscheinungen der Welt schon vor dem Aufbau meines gegenwärtigen Körpers empfunden und wahrgenommen haben musste.

144.  Wie konnte es vor meiner jetzigen Existenz zu einer Wahrnehmung
         der Welt kommen?

Es war nur möglich vermittels der Sinnesorgane eines körperlichen Organismus, so gut wie ich auch jetzt nur mittels der Sinnesorgane empfinden und wahrnehmen kann. Also musste ich bereits vor meinem körperlichen Organismus einen anderen solchen gehabt haben, mittels dessen ich mit der Welt in Verbindung gestanden war. Ich hatte mithin vor meinem gegenwärtigen Körper bereits einen anderen Körper, mit dem ich damals in der Welt weilte und sie empfand und wahrnahm. Damals also war es, dass ich diese Welt bereits lieben lernte, daher stammte auch jener Wille, der mich bei der Auflösung meines Körpers bestimmte, an dem von meinen gegenwärtigen Eltern befruchteten Keim anzuhaften, um mir so einen neuen Körper zu bauen und mittels seiner Sinnesorgane die Welt zu genießen.

145.  Wie aber kam ich zu jenem früheren Körper, vor meinem gegenwärtigen?

Natürlich auf dieselbe Weise wie zu dem letzteren: auch zu ihm hatte mich die Sehnsucht, der Wille nach einem solchen Körper getrieben, welcher Wille durch den Gebrauch eines noch früheren Körpers in mir entstanden war und so zurück in die anfangslose Vergangenheit.

146.  Werde ich mir nach dem Tode meines jetzigen Körpers wieder einen neuen
         Körper bauen?

Ja. Auch in meinem kommenden Tode werde ich an einem neuen Keim in einem neuen Mutterleibe haften, wenn ich Verlangen habe, weiterhin die Welt zu erleben. Und nach dem Zerfall dieses künftigen Körpers werde ich in ähnlicher Weise mir einen neuen bauen und dann wieder einen und so fort, wenn mich gelüstet, von Ewigkeit zu Ewigkeit – die Kette meiner Wiedergeburten ist geschlossen.

147.  Gehört die Wiedergeburtslehre zu den ältesten religiösen Anschauungen
         der Menschheit?

Ja. Sie ist eine uralte Lehre und hat die Reise um die ganze Welt gemacht. Vor allem waren es die indischen Religionen, die ihr das Wort redeten. Aber auch griechische Philosophen wie Sokrates, Pythagoras, Empedokles, Platon und Plotinos waren von ihr überzeugt. Auch viele berühmt gewordene Ketzer, wie beispielsweise die Katharer, hingen ihr an. Von den neueren Philosophen gehörten unter anderen Lessing, Hume und Schopenhauer zu ihren Befürwortern. Auch Goethe kann als ein Anhänger der Wiedergeburtslehre bezeichnet werden.

148.  Gibt es noch andere Gründe, die für die Wiedergeburt sprechen?

Ja. Es sind verschiedene Gründe, die dafür angeführt werden können:
a) Das Gefühl unserer eigenen Zeitlosigkeit und Ewigkeit, das in den Worten Spinozas zum Ausdruck kommt: "Wir fühlen und erfahren, dass wir ewig sind."
Oder, wie es Angelus Silesius ausdrückt: "Die Ewigkeit ist uns so innig und gemein, – Wir woll'n gleich oder nicht – Wir müssen ewig sein."
Eine Ewigkeit aber kann keinen Anfang haben, wenn sie Ewigkeit sein will. Ich kann nicht angesichts der Zukunft ewig, rückblickend aber zeitlich sein und erst vor kurzem entstanden. Ich kann auch nicht, ohne jede Ursache ganz plötzlich vom Himmel gefallen sein. Diese Gedankengänge führen, wenn zu Ende gedacht, notwendigerweise zur Annahme der Wiedergeburt.
b) Das Sehnen jedes besseren Menschen nach moralischer Vervollkommnung. Stände uns nur ein Leben zur Verfügung, wir bräuchten gemeinhin gar nicht mit der Arbeit an uns selbst anzufangen, denn sie ist kaum in einem Leben zu erreichen. Erst die Annahme der Wiedergeburt verbürgt uns die Möglichkeit moralischer Vervollkommnung.
c) Die Verschiedenheit der Veranlagungen, die sich bereits in frühester Kindheit zeigen. Warum kommt das eine Kind als elender Krüppel zur Welt, mit schwachen geistigen Qualitäten und schlechten Charaktereigenschaften und das andere gesund und wohlgestaltet, mit hellem Verstande und guten Charakteranlagen? Nur die Wiedergeburtslehre kann an Hand des Karma-Gesetzes, S.später, darüber Aufschluss geben.
d) Das Gefühl einer allwaltenden Gerechtigkeit, das gar nicht aufkommen könnte, wenn sich das ganze Leben nur in der kurzen Episode zwischen Geburt und Grab erschöpfte. Von dieser beengten Sicht aus betrachtet wäre vielmehr alles Geschehen eine einzige Ungerechtigkeit, ein auswegloser Unsinn, der erst mit dem Tode zu Ende wäre. Nur die Annahme der Wiedergeburt gibt der Vorstellung einer allwaltenden Gerechtigkeit die notwendige Grundlage und die- Möglichkeit der Auswirkung. Ebenso wenig wie die physische Kausalität ohne zwingenden Grund plötzlich abreißt, so auch reißt die moralische Kausalität als Ausdruck der ewigen Weltordnung nicht mit dem Tode des Körpers ab. Damit aber ist die Wiedergeburt als selbstverständlich gegeben.
e) Von den vielen Fällen der Rückerinnerung an ein oder mehrere Leben dürfte zumindest eine bestimmte Anzahl als erwiesen gelten.

149.  Liegt zwischen dem Tode eines Wesens und seiner erneuten
         Keimergreifung eine Unterbrechung des Lebensvorganges?
Nein. Solange der Durst und das durch ihn bedingte Ergreifen (Anhaften) bestimmend sind, wird der Strom des Bewusstseins nie unterbrochen. Schon gleich beim Ergreifen eines Keimes, z.B. eines menschlichen, ist wieder Bewusstsein da, was vom dürstenden Willen nie zu trennen ist, wenn auch zunächst nur in der Art, dass es bloße vegetative Reize vermittelt, wie bei einem Pflanzenkeim. Im Laufe der embryonalen Entwicklung steigert es sich zu einem animalischen Tastbewusstsein und so fort.
"Das ist hier also, Ānanda, die Ursache, der Ursprung, die Entstehung, die Abhängigkeit des körperlichen Organismus, nämlich das Bewusstsein." Dīgh. XV

150.  Wird ein Wesen, das einen Keim in nächster Umgebung ergreift, rascher   
         wiedergeboren als ein Wesen, das nach einem Keim in anderer Welt greift?
Weil ich in meinem tiefsten Grunde nichts von der Welt bin, so ist mir jede Keimergreifung, ob sie hier oder in Fixsternweiten erfolgt, gleich nahe und gleich fern:
"Der König sprach: Meister Nāgasena, wenn jemand hier stirbt und darauf in der Brahma-Welt (eine hohe Himmelswelt) wiedergeboren wird und ein anderer, der hier stirbt, in Kaschmir wiedergeboren wird: Welcher von den beiden würde zuerst ankommen?' — 'Gleichzeitig würden sie ankommen, o Großkönig.' — 'Gib mir ein Gleichnis.' — 'In welcher Stadt bist du geboren, Großkönig?' — 'In einem Dorfe namens Kalasi bin ich geboren, Meister.' — 'Wie weit, Großkönig, ist Kalasi von hier?' 'Etwa zweihundert Meilen, Meister.' — 'Und wie weit, Großkönig, ist Kaschmir von hier?' — 'Zwölf Meilen, Meister.' 'Jetzt denke einmal an das Dorf Kalasi, Großkönig.' — 'Ich habe es getan, Meister.' — 'Und jetzt denke einmal an Kaschmir, Großkönig.' — 'Es ist geschehen, Meister.' — 'Woran, Großkönig, hast du langsamer und woran schneller gedacht?' — 'Gleich schnell an beide, Meister.' — 'Geradeso, Großkönig, wird der, welcher hier stirbt und in der Brahma-Welt wiedergeboren wird, nicht später wiedergeboren als der, welcher hier stirbt und in Kaschmir wiedergeboren wird."' Die Fragen des Königs Menandros.

151.  Kann man sagen, dass der gleiche Mensch, der stirbt,
        auch wiedergeboren wird?

Insoferne man den Lastträger im Auge hat, der mit dem Tode seine Persönlichkeit abwirft, um auf dem Wege der Wiedergeburt eine neue Persönlichkeit anzunehmen, ist es der gleiche. Soferne man aber mit dem Sterben der Persönlichkeit den Herrn X oder die Frau Y selbst zugrundegehen sieht, ist es natürlich nicht der gleiche, der wiedergeboren wird. Folgendes Beispiel aus den heiligen Texten mag es verdeutlichen:
Anāthapindika, der Wohltäter des Buddha, war gestorben und in himmlischer Welt wiedererschienen. Eines Nachts nun, während der Meister in tiefer Meditation versunken dasaß, erschien ihm Anāthapindika in göttlicher Gestalt. Nach einer Lobpreisung des Buddha und seines größten Jüngers Sāriputta verschwand er wieder. Noch ehe die Nacht zu Ende gegangen war, berichtete der Buddha seinen Jüngern von der göttlichen Erscheinung. Ānanda fragte den Meister:
"Dieser da, der wird wohl sicherlich, o Herr, Anāthapindika, das Himmelswesen, sein; Anāthapindika, o Herr, der Hausvater, war von unerschütterlichem Vertrauen zum ehrwürdigen Sāriputta erfüllt." — "Recht so, Ānanda, recht so. Soweit es durch Denken erfassbar ist, hast du es erfasst: Anāthapindika ist es, das Himmelswesen ist kein anderer." Majjh. 143
Die Persönlichkeit (sakkāya) des Hausvaters Anāthapindika als Inbegriff der fünf Gruppen des Anhaftens hatte sich mit dem Tode aufgelöst; der Lastträger (puggala) aber blieb vom Tode unberührt und hatte sich eine neue Persönlichkeit in himmlischer Welt geschaffen.

152.  Warum kann ich mich nicht an meine vergangenen Existenzen erinnern?
Jeder von uns trägt die Fähigkeit der Rückerinnerung in sich. Sie kann auf dem Wege systematischer Übung zur höchsten Entfaltung gebracht werden. So hören wir wiederholt im Kanon:
"Ich erinnerte mich an ein Leben, dann an zehn Leben, an hundert Leben, an tausend Leben, an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, mancher Weltenvergehungen: Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Glück und Leid habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort gestorben trat ich hier wieder ins Dasein." Majjh. 6
Wenn wir dazu nicht in der Lage sind, so liegt die Ursache ganz bei uns. Unser Erinnerungsvermögen ist gänzlich ungeschult und untrainiert. Schon die Erinnerung an vieles, was wir vor einer Woche, vor zehn Wochen, vor fünfzig Wochen oder gar vor hundert Wochen an dem oder jenem Tage erlebt hatten, dürfte überaus vage sein, wenn sie nicht überhaupt entschwunden ist.
Warum wissen wir kaum noch etwas aus unserem Leben als Kleinkind oder gar von der Zeit, da wir im Mutterleibe waren? Niemand würde erwarten, eine Sprache zu beherrschen, ohne sie vorher erlernt zu haben, und niemand würde verlangen, auf Anhieb ein Klaviervirtuose zu werden. Mit der Fähigkeit der Erinnerung ist es nicht anders.[3]
 
153.  Hatte der Kreislauf der Wiedergeburten einen Anfang?
Der Buddha zeigt uns, wie wir immer wieder, jeden Augenblick aufs neue, in den Kreislauf der Wiedergeburten hineingeraten: Er zeigt uns, wie wir vor fünfzig, vor hundert, vor tausend, vor hunderttausend Jahren ihm verfielen, er zeigt uns, wie wir vor einem Weltzeitalter[4], vor hundert Weltzeitaltern, vor tausend Weltzeitaltern, vor hunderttausend Weltzeitaltern immer und immer wieder zu einer neuen Geburt kamen. Aber er spricht nicht von einem Anfang:
"Unbestimmbar, ihr Jünger, ist ein Anfang dieses Kreislaufes der Wiedergeburten – Samsāra –, nicht zu erkennen ein erster Beginn der Wesen, die durch Nichtwissen gehemmt, durch den Durst (mit ihrer Persönlichkeit) verkoppelt, (in den Welten) umherwandern, umherirren." Sam. XV, 13
 "Immer wieder sät man aus den Samen,
Immer wieder lässt der Götterkönig regnen,
Immer wieder pflügt das Feld der Bauer,
Immer wieder zieht man in ein andres Land.
Immer wieder betteln ja die Bettler,
Immer wieder spenden edle Spender,
Immer wieder als die Frucht des Spendens
Geh'n die Herrn der Gaben in den Himmel.
Immer wieder geben Milch die Kühe,
Immer wieder geht das Kalb zur Mutter.
Immer wieder quält man sich und müht sich.
Immer wieder in den Mutterleib der Tor geht,
Immer wieder wird geboren er und stirbt,
Immer wieder trägt die Leiche man zum Leichenplatz." Sam. VII, 12

154.  Wird der Kreislauf der Wiedergeburten ein Ende haben?

Nach der Buddhalehre ist jedes Wesen der Schöpfer und Erschaffer seiner Welt. Deshalb bleibt es ihm überlassen und liegt nur in seinem Ermessen, ob es diesen Kreislauf der Wiedergeburten fortsetzt oder ihm ein Ende macht.

155.  Überwiegen während des Kreislaufes der Wiedergeburten Glück oder Leid?
Der Buddha betont ausdrücklich, dass der Kreislauf der Wiedergeburten auch "Lust und Freude bringt, denn sonst würden die Wesen ihn nicht begehren". Majjh. 80. Aber: "Das Leid überwiegt." Majjh. 54
Mag ein Leben noch so schön und erfolgreich sein, Krankheit, Alter und Tod werden es zerstören. Wenn der Buddha von der "Hohen Wahrheit vom Leiden" spricht, so meint er damit nicht allein das Leid, das durch den Besitz der jetzigen Persönlichkeit bedingt ist. Mit diesem könnte man sich notfalls abfinden. Was er bei der Betrachtung des Leidens im Auge hat, ist der Ozean des Leidens, der im Laufe der Wiedergeburten jedem Träger einer Persönlichkeit zuteil wird. Und so lauten denn auch seine Worte, in die er alles Leid, vergangenes, gegenwärtiges und zukünftiges, zusammenfasst:
"Geburt ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Altern ist Leiden, Tod ist Leiden. Von Liebem getrennt sein ist Leiden, nicht erlangen, was man begehrt, ist Leiden, kurz die fünf Haftensgruppen[5] (= die Persönlichkeit) sind Leiden." Sam. LVI, 11

156.  Welche Kraft treibt mich, den Kreislauf meiner Wiedergeburten
        fortzuführen?
Es ist die gleiche Kraft, die mich jetzt treibt und drängt, die mich jeden Augenblick, im Großen wie im Kleinen, immer wieder neu zupacken lässt, nämlich der in mir hausende dürstende Wille. Er ist der große unermüdliche Weltenbaumeister, der mich im Wirbelrade des Samsāra von Geburt zu Tod und von Tod zu Geburt treibt:
"Der Durst ist das Leitseil, an das gebunden, die Wesen den langen Weg des Samsāra dahingeführt werden, gleichwie man einen Ochsen am Bande die Straße entlang führt." Ang. IV, S. 3, Anm. 2 (Übersetzt von Nyānatiloka).
In Konsequenz davon bezeichnen die heiligen Texte den dürstenden Willen als "den unermüdlichen Hauserbauer" Dha. 153-154, der immer und immer wieder eine neue Persönlichkeit hervorbringt und schafft:
"Dies, ihr Jünger, ist die Hohe Wahrheit von der Entstehung des Leidens: Es ist der die Wiedergeburt erzeugende Durst, der von Wohlgefallen und Lust begleitete, bald da, bald dort sich ergötzende, nämlich: Der Durst nach Sinnenlust, der Durst nach Werden (Dasein), der Durst nach Vernichtung." [6] Sam. LVI, 11
 
157.  Ist in der Buddhalehre Raum für die Vorstellung eines Gottschöpfers?
Die Buddhalehre deckt den in uns hausenden dürstenden Willen als den eigentlichen Schöpfer unserer Welt auf. Auch im übrigen löst sich in ihrem Lichte alles, was ein Mensch, der auf sein ewiges Heil bedacht ist, wissen muss, mit natürlicher Selbstverständlichkeit. Für die Vorstellung eines persönlichen Gottschöpfers bleibt demnach kein Raum. Es bliebe unverständlich, dass ein seinem Wesen nach allgütiger Schöpfergott sich freiwillig Tag und Nacht die Millionen und Abermillionen von Schmerzens- und Todesschreie der am Leid zerbrochenen Menschen und der in Schlachthäusern und Vivisektionskammern gemarterten Tiere anhört. Und das, obwohl er es dank seiner Allmacht und Allwissenheit jeden Augenblick ändern könnte.
Anders aber wird es, wenn wir den Namen Gott oder Gottheit zur Bezeichnung jenes geheimnisvollen, wundersamen Faktors im Weltgeschehen nehmen, der stets die Urquelle aller Religion war (Georg Grimm, "Ewige Fragen", S. 34, 35). In diesem reinsten und höchsten Sinne wurde insbesondere für die Mystiker aller Zeiten und aller Religionen der Name Gott zum unpersönlichen Weltgrund, d.h. zum tiefsten Grunde aller Wesen und damit auch zu meinem eigenen Grund:
"Ich bin ein Berg in Gott und muss mich selber steigen, daferne Gott mir soll sein liebes Antlitz zeigen." Angelus Silesius
Und eben dort, in unserem wahren Selbst, dem Unergründlichen und Unermesslichen in allen Wesen, da fand auch der Buddha die schöpferischen Tiefen der Gottheit. Demzufolge wird auch in den heiligen Texten vom Meister und seinen großen Jüngern gesagt, sie seien "göttlich geworden, sie seien Gott geworden." brahmabhūta; vgl. Majjh. 133

158.  Geht die Keimergreifung im Lichte der Erkenntnis vor sich?

Nein. Denn mit dem vorhergehenden Tode des Körpers erlischt unser Erkenntnisvermögen, das nur in Abhängigkeit vom Denkorgan bestehen konnte. Die Laterne, mit der wir die Welt beleuchteten, ist ausgegangen; scheinbar blind, aber doch auch wieder mit einer fast nachtwandlerischen Sicherheit, die aus innerster Tendenz kommt, lässt der dürstende Wille nach dem uns wahlverwandten Keime greifen.

159.   Ist das Nichtwissen die letzte erkennbare Ursache für das Entstehen von    
           Welt und Persönlichkeit?

Ja. Nach der Buddhalehre ist der ganze unendliche Kosmos, eingeschlossen unsere eigene kleine Welt, eine Welt der Kausalität, deren erstes Glied das Nichtwissen ist.


[1]  Die Schilderung der Brücke zwischen dem Tode und der Geburt eines Wesens ist, abgesehen von geringen Abweichungen, entnommen den Schriften von Georg Grimm "Der Buddhaweg für Dich", S. 24 ff., und "Ewige Fragen", S. 76 ff.
[2] Jenseitswesen - Gandhabba - ist nur ein bildlicher Ausdruck für den dürstenden Willen nach Werden eines verscheidenden Wesens und damit auch, nachdem sich dieses Wesen ja, nachdem es sich als von und in dieser Welt wähnt, mit diesem dürstenden Willen völlig identifiziert, für dieses Wesen selbst.

[3] "Das Frische und Lebhafte der Erinnerungen aus der fernsten Zeit, aus der ersten Kindheit, zeugt davon, dass irgend etwas in uns nicht mit der Zeit sich fortbewegt, nicht altert, sondern unveränderlich beharrt." (Schopenhauer)

[4] In Sam. XV, 5 versucht der Buddha, durch Gleichnisse die Dauer auch nur eines Weltalters zu veranschaulichen. Eines dieser Gleichnisse ist das folgende: "Gleichwie, ihr Jünger, wenn da ein mächtiger Felsenberg wäre, eine Meile lang, eine Meile breit, eine Meile hoch, ohne Spalt, ohne Riss, lauter feste Masse, und es streifte jeweils nach Ablauf von hundert Jahren ein Mann einmal mit einem Gewandt aus Benaresseide daran, so würde, ihr junger, durch dieses Vorgehen der gewaltige Felsenberg eher verschwinden, zu Ende gehen als ein Weltalter.

[5]  Die fünf Haftensgruppen sind:
Die Haftensgruppe der körperlichen Form, der Empfindung, der Wahrnehmung, der Gemütstätigkeit, des Bewusstseins oder Erkennens.
In Majjh. 44 und auch an anderen Orten werden sie ausnahmslos als die Bestandteile der Persönlichkeit angeführt.
[6]  Der Durst nach Vernichtung kann nur dann in einem Menschen entstehen, wenn er in der Persönlichkeit sein Wesen erblickt. Mit zunehmender Erkenntnis der Leidhaftigkeit dieser Persönlichkeit kann dann der Wunsch nach Vernichtung des Leidens irrtümlicherweise zum Wunsch nach Vernichtung des eigenen Wesens führen.

Fortsetzung folgt.
 

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