Samstag, 15. Oktober 2011

(1) DIE LEHRE DES BUDDHA



Im Lichte
des Meisters
Die Lehre des Buddha in Frage und Antwort

Von Māyā Keller-Grimm 

In Dankbarkeit
meinem Vater, Freund und Lehrer
Georg Grimm
25. Februar 1868 – 26. August 1945
gewidmet


Der Zweck eines Katechismus ist es, in möglichst kurzer und präziser Form, dabei aber so, dass das Wesentliche klar hervortritt, eine Religion gemäß ihrem Inhalte und ihrer Bedeutung lebendig zu machen. Lebendig aber ist die Buddhalehre nur dann, wenn sie den ganzen Menschen erfasst, also nicht nur seinen Kopf, sondern auch sein Herz. Und sie hat ihn erfasst, wenn sie ihn froh und zufrieden, beglückt und innerlich gefestigt zu machen vermag.


1.  Ist der Buddhismus eine Weltreligion?

Ja. Zusammen mit dem Christentum, dem Islam und dem Hinduismus gehört er zu den großen Weltreligionen.

2.  Wie viele Anhänger zählt er?

Nach neueren Angaben sind für den Buddhismus 274 Millionen Anhänger anzusetzen. ("World Christian Encyclopedia", 1982)

3.  Welches sind die wichtigsten buddhistischen Richtungen?

Der Theravāda (= die Lehre der Ältesten, auch das Hīnayāna oder das kleine Fahrzeug genannt) und das Mahāyāna, = das Große Fahrzeug.

4.  In welchen Ländern haben wir den Theravāda?
In Ceylon, Burma und Thailand.

5.  In welchen Ländern das Mahāyāna?
In Tibet, Japan, China und der Mongolei.

6.  Gibt es in Indien keine Buddhisten?

Seit ca. 800 Jahren ist der Buddhismus als Volksreligion in Indien ausgestorben. Die Zahl seiner Bekenner ist gering; doch ist nicht zu übersehen, dass gerade bei den führenden Persönlichkeiten Indiens das Interesse an der buddhistischen Religion von Jahr zu Jahr zunimmt. Aus den Lehren seiner großen Yogis wie Maharishi Ramana und anderer leuchtet uns noch heute altindische Weisheit entgegen. In der Suche nach dem wahren Selbst, der Botschaft der Gewaltlosigkeit und der liebevollen Hingabe gegenüber allem, was da lebt und atmet, übt sie auch heute noch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss aus. In Indien, der Wiege der Buddhalehre, standen, nach dem Zeugnis des bekannten chinesischen Pilgers Hiouen Thsang, noch in den Jahren 619 bis 645 die Klöster der Pudgalavādins[1], einer der ältesten und bedeutendsten buddhistischen Schulen Indiens, in hoher Blüte. Die Zahl ihrer Anhänger wurde auf 43.000 geschätzt. Die Pudgalavādins erfreuten sich der besonderen Gunst des eifrigen Nachahmers des Ashoka, des großen indischen Kaisers Harsha (606-647). Ihre Hauptzentren, die im Westen lagen, fielen wegen dieser Lage allerdings am ehesten dem Ansturm und der Zerstörung der Moslems zum Opfer, wobei als kostbarster Schatz auch die heiligen Schriften mitvernichtet wurden. Damit aber wurde ein neuerliches Aufblühen dieser altindisch-buddhistischen Schule unmöglich. Das meiste, was wir heute über ihre Lehren wissen, in deren Brennpunkt der lebendige Mensch (puggala) als der "Lastträger" steht, stammt aus Berichten ihrer Gegner.

7.  In welcher Sprache lehrte der Buddha?

Im nördlichen Māgadhī-Dialekt. Er legte jedoch Wert darauf zu betonen, dass jeder die Lehre in seiner eigenen Muttersprache lernen möge.

8. Ist der heute vorhandene buddhistische Kanon auch in der Māgadhī-Sprache  
    abgefasst?

Nein. Während vieler Jahre wurden die Lehrreden des Buddha nur mündlich weitergegeben. Wie viel Zeit nach dem Tode des Buddha bis zum ersten Konzil der Mönche verging, ist unbestimmt. Es befasste sich mit der Sammlung von Lehrtexten und einer erstmaligen Niederschrift des buddhistischen Kanons. Auf dem 2. Konzil, das 100 Jahre nach dem Tode des Buddha in Vesālī tagte, erfolgte die Ausscheidung jener Lehrtexte, die von den Mönchen als Irrlehren betrachtet wurden[2]. Auf dem 3. Konzil in Patāliputta, 236 Jahre nach dem Heimgang des Buddha, kam es dann zu einer endgültigen Fixierung des Kanons in der Māgadhī-Sprache. Dieser indische Kanon soll dann um 245 v.Chr. von dem Mönche Mahinda, dem Sohn des großen buddhistischen Königs Ashoka (264-227), nach Ceylon gebracht worden sein. Erst wenige Jahrzehnte vor unserer Zeitrechnung wurde er unter dem ceylonesischen König Vattagāmini in die Pāli-Sprache übertragen. Dieser ceylonesische Kanon weicht nicht nur sprachlich vom alten Māgadhī-Kanon ab, sondern auch dadurch, dass Stücke aus den Kommentaren in ihm Aufnahme fanden. Da aber der alte Māgadhī-Kanon nicht mehr auffindbar ist, so bildet der ceylonesische Pāli-Kanon das älteste historische Dokument des Buddhismus.

9.  Aus welchen Schriften setzt sich der Pāli-Kanon zusammen?

Er besteht aus dem Suttapitaka, dem Korb der Reden, und dem Vināyapitaka, dem Korb der Ordensregeln. Diesem Zweikorb, der den eigentlichen buddhistischen Kanon ausmacht, wurde später als eine selbstständige Weiterbildung das Abhidhammapitaka, der Korb der Scholastik, angefügt.

10. Können wir die Lehren des Theravāda und der Schulen des Mahāyāna mit
     dem Pāli-Kanon gleichsetzen?

Nein. Wenn auch der Theravāda den Pāli-Kanon als Grundlage nimmt, so stellt er in seinen Lehren doch eine spätere Entwicklung dar. Die Schulen des Mahāyāna stützen sich hauptsächlich auf Sanskrit-Texte.


[1]   Die Lehre vom Individuum als dem Subjekt des Leidens. Pudgala ist das Sanskritwort für das Pāliwort puggala. Puggala = Individuum, Subjekt, das sich von den fünf Haftensgruppen loslösen kann, nicht zu verwechseln mit sakkāya = Persönlichkeit, Person, die in den fünf Haftensgruppen – Körperlichkeit, Empfindung, Wahrnehmung, Gemütsregungen, und Bewusstsein oder Erkennen – besteht. Der bekannte Indologe De la Vallé-Poussin sagt von den Pudgalavādins: "Ihre zahlenmäßige und lehrgemäße Bedeutung wurde von den Indologen, die sie gern als 'Ketzer' bezeichnen, nicht richtig gewertet. Ihr Ansehen war bemerkenswert" ("Nirvāna")
[2]  Es darf angenommen werden, dass bereits damals bei der Ausscheidung von Lehrtexten wertvolle Schätze verloren gingen.

Fortsetzung folgt.

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