Sonntag, 26. Februar 2012

Mettā und die vier Göttlichen Zustände

"Mögen alle Wesen voll des Glücks und sicher sein!
Alle mögen sie glückselig sein!
Was nur immer es an Lebewesen gibt,
Ob sie bewegen sich, ob festgebannt an ihrem Platz,
Ob lang sie sind, ob kurz, ob groß, ob klein,
Ob mittel oder schmächtig oder stark;
Ob unsichtbar sie weilen oder sichtbar auch,
In der Nähe oder in der weiten Ferne,
Ob sie bereits im Leben stehen oder es ersehnen:
Glückselig sollen alle Wesen sein!
In eurem Geist erwecket gütige Gesinnung
Unermesslich für die ganze Welt,
Nach oben, unten und nach den vier Winden,
Ohn' Hindernis, Feindseligkeit und Hass.
Wie eine Mutter schützt das einz'ge Kind mit ihrem Leben,
So hege grenzenlose Güte man zu allen Wesen!"   Su. 146-160
Die Kraft der Güte ist unser Halt, heute und immerdar!
Weit und weiter wird das Gemüt mit dem inneren Durchbruch der Mettā, die sich mehr und mehr als geistige Heilkraft gegenüber Angst und Sorge, Kummer und Schmerz erweist:
Ich bin mir bewusst:
Die Erde ist voller Lebewesen.
Mögen alle diese Lebewesen ohne Angst, ohne Furcht,
Friedvoll ihr Dasein vollenden!
Ich bin mir bewusst:
Das Wasser ist voller Lebewesen.
Mögen alle diese Lebewesen ohne Angst, ohne Furcht,
Friedvoll ihr Dasein vollenden!
Ich bin mir bewusst:
Die Luft ist voller Lebewesen.
Mögen alle diese Lebewesen ohne Angst, ohne Furcht,
Friedvoll ihr Dasein vollenden!
OM MANI PADME HUM   (O Du Juwel im Lotos!)
Weil das Ziel der buddhistischen Meditation die Ablösung und Freimachung von allem Beschränkenden und Beengenden ist, so muss sie, schon von allem Anfange an, im Lichte des Anattā-Gedankens stehen: Denn frei machen und loslösen kann ich mich nur von dem, was nicht mein wahres Selbst ist, was mir nicht wesenhaft angehört.[1]
Außer auf eine meditative Durchdringung der Lehre im einzelnen sollte das Bemühen um Meditation sich vorzüglich auf die Erweckung der "vier Göttlichen Zustände" richten. Ohne sie gibt es kein Vorwärtsschreiten auf dem Pfade, keine Heilsgewissheit im eigenen Innern. Denn gerade in einer hingebungsvollen Freundschaft gegenüber den Lebewesen offenbart sich eigene Ablösung. Auch kann ein Zustand innerer Harmonie nur auf dem Wege der Freundschaft, des Mitgefühles, der Mitfreude und einer ruhigen inneren Gelassenheit gefunden werden.


[1]  Reiches Meditationsmaterial aus dem gesamten buddhistischen Kanon wie auch aus Aussprachen anderer großer religiöser Genien, im besondern der Mystiker, bieten die "Buddhistischen Meditationen" von Georg Grimm (Baum -Verlag, Pfullingen/Württ.).



Freitag, 27. Januar 2012

(14) DIE LETZTEN ETAPPEN VOR NIBBĀNA



322. Welches ist die nächste Etappe des Hohen Pfades?
Die Einmal-Wiederkehr:
"Da kehrt ein Mensch nach Vernichtung der drei Fesseln (Gemeint sind hier die drei Fesseln, die bereits der Sotāpanna verloren hat. Vergl. Nr. 311) und nach äußerster Abschwächung des sinnlichen Begehrens, des Widerwillens und der Verblendung nur noch einmal wieder. Nur noch ein Mal in die (Sinnen-) Welt zurückgekehrt, macht er dem Leiden ein Ende." Pugg. Paññ. 40
Dabei zählt auch bereits derjenige als Einmal-Wiederkehrender, der auf dem Wege ist, die Einmal-Wiederkehr zu verwirklichen. Pugg. Paññ. 48
Die Rückkehr in die Sinnenwelt kann für den Einmal-Wiederkehrenden entweder in unserer Menschenwelt oder aber in himmlischen Welten, den "so genannten Himmeln der sechs Sinne"[1] stattfinden. Er ist dem großen Heilwerden schon so nahe, dass seine Gebundenheit an die Persönlichkeit und an die einem Weltmenschen gemeinhin unüberwindlich scheinenden Lustobjekte nur mehr einem dünnen Seidenfaden gleicht, der bald zerrissen sein wird:
"In dem Einmal-Wiederkehrenden steigen sinnliches Begehren, Abneigung und Verblendung nicht häufig auf wie bei Weltlingen. Nur dann und wann steigen sie auf und wenn sie aufsteigen, so steigen sie nicht heftig auf wie bei Weltlingen, nur ganz dünn wie Fischschuppen steigen sie auf." Pugg. Paññ. 40
Damit haben für den Einmal-Wiederkehrenden die Freuden der Welt, auch die Freuden himmlischer Welten, ihre Anziehungskraft und ihren Glanz bis auf einen winzigen Rest verloren. Er hat bereits ein Hohes, ein überweltliches Glück dafür eingetauscht, das die Welt nicht geben, aber auch nicht nehmen kann. Wenn auch ab und zu noch ein leises auf steigendes Begehren und Wünschen die Himmelsruhe seines Gemütes stören, so gleichen sie doch nur kleinen, sich rasch wieder verflüchtigenden Wölkchen, die die Leuchtkraft der Sonne nicht mehr beeinträchtigen können. 

323.  Worin besteht die dritte Etappe des Hohen Pfades?
In der Erreichung der Nie-Wiederkehr:
"Wer auf dem Wege ist, sinnliches Begehren und sinnlichen Widerwillen restlos zu verlieren, die Frucht der Nie-Wiederkehr zu verwirklichen oder wer sinnliches Begehren und sinnlichen Widerwillen bereits überkommen hat: diesen Menschen bezeichnet man als Nie-Wieder-kehrenden." Pugg. Paññ. 49
Ein solcher hat die Welt der fünf Sinne, sei diese niederer oder höherer Natur, für immer überwunden. Kein noch so feines Begehren nach Sinnenobjekten ist mehr geblieben, der seidene Faden, der ihn noch als einen Einmal-Wiederkehrenden mit der Sinnenwelt verband, ist zerrissen. Er erfährt jetzt schon das Glück des Siegers, der seinen Feind, den dürstenden Willen nach Lust, geschlagen weiß. Als ein Nie-Wiederkehrender braucht er nicht mehr auf die Suche nach dem "inneren Glück" zu gehen: Er hat es gefunden in der Unermesslichkeit seines Wesens, in dem Erwachen der Tathāgata-Natur in ihm selbst. Was ihn noch vom großen Friedenszustande des Nibbāna trennt, ist das noch übrig gebliebene Haften, diesen von ihm erreichten überweltlichen Zustand unter Zuhilfenahme des Bewusstseins in Wahrnehmung und Empfindung in seiner ganzen Fülle auszukosten. Es mag sich damit ähnlich verhalten, "wie wenn ein von einer langen lebensgefährlichen Krankheit Genesener in dem seligen Bewusstsein seiner Genesung schwelgt." Georg Grimm, "Buddhistische Meditationen", S. 388, 389.
Der Meister bezeichnet den Nie-Wiederkehrenden als
"vollkommen in der Sittenreinheit, vollkommen in der Konzentration, aber nicht vollkommen in der Weisheit" Ang. IX, 12 und Ang. X, 63.
Nach seinem Leibtode mag ein Nie-Wiederkehrender auf Grund seines noch übrig gebliebenen Restes feinsten Verlangens, feinsten Anhaftens in den "fünf Reinen Gefilden", den Suddhāvāsā-Welten[2] auftauchen oder aber, wenn seine Neigung nach den "Formlosen Bereichen" geht, in den "Formlosen Welten"[3]. Wo immer er aber auch neu erscheinen wird, noch gilt es für ihn den letzten Schritt zu tun, der auch über diese erhabenen Lebensformen hinausführt, in die Unermesslichkeit des Nibbāna.

324.  Worin besteht die vierte Etappe des Heilsweges?
In der Erreichung der Heiligkeit oder, wie der Buddha es anderweit ausdrückt: in vollkommener Gesundung.
"Wer auf dem Wege ist, Begehren nach formhaftem Werden (Dasein), Begehren nach formlosem Werden, Stolz, Zerstreutheit und Nichtwissen restlos zu verlieren, das Ziel der vollkommenen Heiligkeit zu verwirklichen oder wer Begehren nach formhaftem Werden (Dasein), Begehren nach formlosem Werden, Stolz, Zerstreutheit und Nichtwissen restlos überkommen hat: Diesen Menschen bezeichnet man als vollkommenen Heiligen" Pugg. Paññ. 50

325.  Auf welche Weise äußern sich bei dem auf der letzten Wegstrecke
        nach Nibbāna Befindlichen die noch verbleibenden Hindernisse?
Im Gegensatz zum Nie-Wiederkehrenden, der sich ganz der Seligkeit innerer Losgelöstheit hingibt, beginnt der auf der letzten Wegstrecke nach Nibbāna Befindliche mehr und mehr zu erkennen, dass wer in der Stille zu sich selbst fand, zu seinem Wohlbefinden keines Bewusstseins mehr bedarf, dass vielmehr Ruhe, Friede und Seligkeit zunehmen, je mehr das Bewusstsein verblasst und in Nibbānas tiefem Frieden als letzte noch übrig gebliebene Störung ganz verschwindet. Nicht nur dass er die Welten der Reinen Formen wie auch die Formlosen Welten als nur durch sein ihm wesensfremdes Bewusstsein hervorgebracht und geschaffen erkennt, sondern er sieht auch darüber hinaus, dass sich eben in dem Anhangen an jener höchsten Form des Sich-Bewusstwerdens noch Spuren von Stolz und Dünkel verbergen:
"Wenn man haftet, Freund Ānanda, entsteht der Dünkel 'ich bin'; er entsteht nicht, wenn man nicht haftet. An was haftend entsteht der Dünkel 'ich bin'? Wenn man an der körperlichen Form, an der Empfindung, der Wahrnehmung, an den Gemütstätigkeiten, dem Bewusstsein (= Persönlichkeit) haftet, entsteht der Dünkel 'ich bin'; wenn man nicht haftet, entsteht er nicht." Sam. XXII, 83
Wo aber auch nur Spuren von Anhaften und Stolz sind, da besteht insoweit noch Zerstreutheit, da ist die letzte und vollkommene Harmonie mit sich selbst noch nicht verwirklicht:
"Denn noch sind wir zu wenig dessen gewahr, was allein die Wirklichkeit ist, das Ungeborene SELBST, in dem alle Arten von Unterschieden aufgehört haben zu bestehen." Christmas Humphreys, "The Thretfold Self" ("The Middle Way". Vol. XII, No. 3, S. 102).
Mit dem Aufgehen dieser höchsten heiligen Weisheit verliert auch jenes strahlende, auf feinster Geistigkeit beruhende Bewusstsein seinen Reiz.

326.  Welcher Art muss die Meditation sein, um auch den letzten Rest von Stolz
         zu vernichten?
Lassen wir den Kanon selbst sprechen:
"Wenn auch der erlesene Jünger, ihr Brüder, die fünf mit dem Niederen verbindenden Koppeln[4] zerschnitten hat, so bleibt in ihm hinsichtlich der Persönlichkeit[5] ein noch nicht zum Verschwinden gebrachter Rest von 'Ich-bin-Dünkel', von 'Ich-bin-Wille', von der Neigung, in der Form 'Ich bin' (nämlich diese Persönlichkeit) zu denken. Deshalb verweilt er weiter in der Meditation der Persönlichkeit: 'So sind Körper und Geist, so entstehen sie, so lösen sie sich auf', bis auch dieser schwache Rest von 'Ich-bin-Dünkel', von 'Ich-bin-Wille', von der Neigung, in der Form 'Ich bin' (nämlich diese Persönlichkeit) zu denken, vernichtet ist. Es ist geradeso, ihr Brüder, wie wenn da ein verunreinigtes schmutziges Kleid wäre. Dieses übergäben die Eigentümer dem Wäscher. Der riebe es mit Salzerde oder mit Lauge oder mit Kuhmist tüchtig ab und spülte es dann in reinem Wasser. So wäre das Kleid zwar ganz sauber, ganz rein geworden, aber es bliebe ihm doch noch ein nicht zum Verschwinden gebrachter Rest von dem Geruche der Salzerde oder der Lauge oder des Kuhmistes zurück. In diesem Zustande stellte es der Wäscher den Eigentümern zurück. Diese legten es in eine scharf duftende Schachtel, in der auch der letzte Rest des Geruches der Salzerde, der Lauge oder des Kuhmistes alsbald aufgesogen würde. Ebenso ist auch der letzte Rest des 'Ich-bin-Dünkels' in Hinblick auf die Persönlichkeit – zu vernichten." Sam. XXII, 89

327.  Bedeutet die Vernichtung des "Ich-bin-Dünkels" vollkommenes Nibbāna?
Ja. Denn wo der "Ich-bin-Dünkel" aufgehoben ist, da ist eine vollkommene Umwertung der Persönlichkeit erfolgt. Als "Nicht-mein-Selbst" verliert sie den letzten ihr noch beigemessenen Wert, ja sie wird völlig bedeutungslos und was von ihr übrig bleibt, ist ein bloßer Haufen von Körperlichkeit, von Empfindungen, Wahrnehmungen, Gemütstätigkeiten und Bewusstsein. Im Lichte des vollkommenen Anattā-Anblickes aber zeigt sich, dass dieser "Haufen" keinerlei Grundlage für den "Ich-bin-Dünkel" abgibt, es zeigt sich, dass das Wahre und Echte nicht draußen, sondern ganz und gar drinnen ist. Draußen ist die Persönlichkeit, deren Entstehen und Vergehen ich jeden Augenblick beobachten kann, und darauf stolz zu sein, wäre das Gleiche, wie wenn ein Kind auf eine von ihm hervorgebrachte Seifenblase stolz ist. "Drinnen" aber ist "das Wesenhafte", die heilige Wirklichkeit, der Mutterschoß der Einheit und des Friedens, in dem die Persönlichkeit und damit der Ich-bin-Dünkel überwunden ist:
"Diejenigen aber, die das Wesenhafte und das Nicht-Wesenhafte (nämlich die Persönlichkeit) kennen, die gelangen zum Wesenhaften" Dha. 11, zum wahren Selbst.
Auch Srī Ramana Maharishi, der große Heilige unserer modernen Zeit aus Tiruvannamalai, stimmt mit dem Buddha überein, wenn er sagt:
"Die Geburt des Ich-Gedankens ist die Geburt der Person und sein Tod ist ihr Tod. Nach dem Aufsteigen des Ich-Gedankens kommt es zur irrigen Identifizierung mit dem Körper. Wenn du aber aufgehört hast, dich mit dem Körper zu identifizieren und das wahre Selbst Wirklichkeit geworden ist, verschwindet dieser Irrtum."  "The Mountain Path". Vol. III, July 1966, No. 3, S. 227
An den Körper gebunden und durch den Körper bedingt aber zeigt sich im besonderen das Bewusstsein als letztmögliche Stütze des Dünkels. Mit dem Fallenlassen des Anhaftens und des Stolzes auch am Element des Bewusstseins werden für den erlesenen Jünger die Meisterworte Wirklichkeit:
"Glück ist das Freisein von Übelwollen in der Welt, die Schonung alles Lebendiggewordenen. Glück ist die Unreizbarkeit durch die Welt, das Hintersichlassen der durch die Objekte der Sinne ausgelösten Lüste; das höchste Glück aber: Das bringt die Austreibung des Ich-bin-Dünkels." Ud. II, 1
Damit aber erlebt der erlesene Jünger das wahrhaft Göttliche, "das sonder Persönlichkeit ist", in seiner ganzen fleckenlosen Reinheit als sein heilig gewordenes Selbst Majjh. 51, das von den anbrandenden Wogen des Samsāra nicht mehr erreicht wird: Lass los und du bist der Tathāgata, künden die heiligen Texte, und Angelus Silesius drückt es mit den Worten aus: "Soll ich mein letztes End' und ersten Anfang finden, so muss ich mich in Gott und Gott in mir ergründen."
Freilich, Worte sind nur Wegweiser, sind Symbole für das Ungeborene, Ungeschaffene in uns selbst. Haben wir erst einmal zu ihm zurückgefunden, so wird die Weisheit zur "überweltlichen Weisheit": "Wir erkennen unser eigenes Nibbāna." ("Der allzeit konzentrierte Jünger kann sein eigenes Nibbāna erkennen" Ud. III, 5)
Die Transzendenz, d.h. die Überschreitung aller Begrenzungen und Bestimmungen unseres wahren Wesens, ist für den Heilgewordenen keine auf bloßem logischen Denken beruhende Schlussfolgerung, sondern unmittelbare Erfahrung. Mit ihr ist der Gipfelpunkt religiösen Erlebens erreicht, das Erwachen aus dem Traume des Lebens vollzogen, der Spuk, in der Persönlichkeit sein Selbst zu sehen, völlig verflogen und "die Herrlichkeit Nibbānas" Dīgh. XIV,3,13 offenbart sich als höchste und letzte Wirklichkeit.
Der In-sich-Versenkte erfährt sie als "die Große Leerheit" (Shūnyatā) von der die heiligen Texte in tiefer Ehrfurcht sprechen, erfährt sie als kein nihilum, kein "Nichts" im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern im Gegenteil als einen "hocherhabenen Zustand", als die Leerheit von allem Hervorgebrachten und Unterschiedlichen, von allem Vergänglichen und Leidvollen. In diese Richtung weisen auch die Worte Meister Eckharts, wenn er sagt:
"Leer sein alles Geschaffenen heißt Gottes voll sein und erfüllt sein von dem Erschaffenen heißt Gottes leer sein." Georg Grimm, "Buddhistische Meditationen", Nr. 79
Diese Shūnyatā, diese Leerheit, wird für den Erlösten zum geheimnisvollen Bereich, aus dem ihm die Stimme der Stille wird, in der er sich selbst als einen Tathāgata, einen Vollendeten, "tief, unermesslich, unergründlich, gleichwie etwa der Ozean" Sam. XLIV, 1 erlebt.
"Gleichwie, ihr Jünger, das große Meer die Heimstätte großer Wesen ist, ebenso auch, ihr Jünger, ist diese Lehre und Ordnung die Heimstätte für große Wesen: Den in den Strom Eingetretenen und den auf dem Wege zur Frucht des Stromeintrittes Befindlichen, den Einmal-Wiederkehrenden und den auf dem Wege zur Frucht der Einmal-Wiederkehr Befindlichen, den Nie-Wiederkehrenden und den auf dem Wege zur Frucht der Nie-Wiederkehr Befindlichen, den Heiligen und den auf dem Wege zur Frucht der Heiligkeit Befindlichen. Dass nun, ihr Jünger, diese Lehre und Ordnung die Heimstätte großer Wesen ist, dies ist in dieser Lehre und Ordnung eine der außerordentlichen, wunderbaren Eigenschaften, durch deren immer erneuten Anblick die Jünger an dieser Lehre und Ordnung Wohlgefallen empfinden." Ud. V, 5


[1]  Wörtlich: sechs Berührungsbereiche, die Himmel genannt werden. Vergl. Georg Grimm, "Der Samsāro, die Weltenirrfahrt der Wesen", S. 39; auch Sam. XXXV, 135.
[2] Die Suddhāvāsa-Welten schließen die Formwelten nach oben hin ab. Sie sind nur den Buddhajüngern vorbehalten. Vergl. Georg Grimm, "Der Samsāro, die Weltenirrfahrt der Wesen", S. 102.
[3] Dem Bereich des grenzenlosen Raumes, des grenzenlosen Bewusstseins, der Nichtirgendetwasheit und der Weder-Wahrnehmung-noch-auch-Nichtwahrnehmung.
[4] Nämlich: den Glauben an Persönlichkeit, die Zweifelsucht, das Hängen an religiösen Zeremonien und Gebräuchen, die sinnliche Gier und die Abneigung.
[5] Im Urtext heißt es "der fünf Haftensgruppen". Sie bilden in ihrer Gesamtheit die Persönlichkeit. Der letztere Ausdruck wurde zum Zwecke eines leichteren Verständnisses gewählt.

 Ende von: DIE LEHRE DES BUDDHA - IN FRAGE UND ANTWORT

(13) DER SOTĀPANNAPFAD - die Große Umkehr



307.  Muss der Höhenpfad des Buddha in einem Leben bis zum Gipfel
         gegangen werden?
Nein. Selbst zu den gesegneten Zeiten eines Vollkommen-Erwachten war es nur einer begrenzten Zahl von Menschen möglich, den Höhenanstieg in einem Leben zu gehen. Für alle anderen war es ein Weg in Etappen, in Stufen, der über die höchsten Lichtwelten hinweg, im Laufe von Weltaltern, nach Nibbāna führt.

308.  Trägt die erste Etappe des Pfades einen besonderen Namen?
Ja. Sie wird als Stromeintritt bezeichnet.

309.  Was versteht man unter dem Strom?
Die Antwort gibt uns Sāriputta, der Größte der Jünger des Buddha:
"'Der Strom, der Strom', so sagt man, Sāriputta. Was ist nun aber der Strom?"
"Eben dieser Hohe achtfache Pfad, o Herr, ist der Strom, nämlich:
Rechte Anschauung,
rechtes Sich-Entschließen,
rechte Rede,
rechtes Handeln,
rechter Beruf,
rechtes Mühn,
rechte Besonnenheit und
rechte Konzentration."  Majjh. 117

310.  Wie heißt der Jünger, der den Stromeintritt erreicht hat?
Er wird ein Sotāpanna genannt, d.h. ein in den Strom (sota) Eingetretener.

311.  Welche Bedingungen sind zu erfüllen um ein Sotāpanna werden zu können?
Es sind vier Bedingungen, die der Buddha als die
vier Glieder des Stromeintrittes“ kennzeichnet.
1.    Die Pflege der Freundschaft mit gleichstrebenden Menschen,
2.    das Hören der guten Wirklichkeitslehre (wobei das Hören" heute oftmals           
                                 durch das Studium der Lehre ersetzt werden muss),
3.    gründliches Nachdenken (das zur Meditation hinführt),
4.    ein den Sīlas (im Sinne einer alle Wesen umfassenden Freundschaft)             
gemäßes Leben.     Dīgh. XXXIII
Dass dabei die Freundschaft mit gleichstrebenden Menschen an erster Stelle steht, ist der springende Punkt, der nicht übersehen werden darf.
"Jeden wirklich Strebenden drängt es einfach zum rechten Umgange. Er wird sich nicht der Gefahr aussetzen wollen, den vielen unheilsamen Einflüssen der alltäglichen Umgebung zu erliegen.
So heißt es im Kosala-Samyutta Sam. III, 18 (Max Hoppe, Yāna", VII. Jahrgang, 1954, Nr. 4, S. 190, 191):
'Und in diesem Sinne, Ānanda, musst du es verstehen, dass der gesamte heilige Wandel besteht in der Freundschaft der Guten (d.h. der auf dem Sotāpannapfad Befindlichen), in der Gesellschaft der Guten, in der Gemeinschaft der Guten."'
Nach dem Buddha sind es zehn Fesseln, die den Geist des Unheils verkörpern und den Menschen in die Knechtschaft seiner Persönlichkeit bringen. Ihre gewaltige Macht bekommt der Mensch dann zu spüren, wenn sie am Ende des Lebens zum Grabhügel aller seiner Hoffnungen und Träume werden, die ihn das Glück auf falscher Fährte suchen ließen. Diese zehn Fesseln sind:
1.    Der Glaube an Persönlichkeit,
2.    der Zweifel,
3.    der Glaube an religiöse Zeremonien und Gebräuche,
4.    sinnliches Begehren,
5.    sinnliche Abneigung,
6.    Begehren nach formhaftem Werden (Dasein),
7.    Begehren nach formlosem Werden (Dasein),
8.    Stolz,
9.    Zerstreutheit (Gedankengestöber),
10. Nichtwissen.       Ang. IX, 67, 68; Ang. X, 13; Dīgh. XXXIII u.a.
Von diesen zehn Fesseln hat der Sotāpanna die ersten drei Fesseln verloren.
Damit hat er den entscheidenden Schritt in einen überweltlichen Bereich getan, den ersten wirklichen Schritt nach innen, zurück zu sich selbst:
"Gleichwie, ihr Jünger, zur Herbstzeit am wolkenlosen Himmel die Sonne die Lüfte durcheilt und alles Dunkel des Raumes zerteilt und leuchtet und flammt und strahlt: Ebenso nun auch wird der erlesene Jünger, wenn ihm das ungetrübte, unbefleckte Auge der Wahrheit aufgeht, mit dem Aufgehen der Erkenntnis von drei Fesseln befreit:
1.    Dem Glauben an Persönlichkeit (sakkāyaditthi)[1]
2.    dem Hang zum Zweifel,
3.    dem Hang zu religiösen Zeremonien und Gebräuchen." Ang. III, 95 

312.  Inwiefern hat ein Sotāpanna den Glauben an Persönlichkeit verloren?
Fast alle Menschen verlegen ihr Selbst in ihre Persönlichkeit, in ihr leben und weben sie und fühlen sich so sehr eins mit ihr, dass sie mit ihrem Untergang im Tode ihr eigenes Ende besiegelt glauben. Dass es einen Zustand ohne Persönlichkeit, eine Zuflucht außerhalb ihrer geben könnte, dieser Gedanke steigt ihnen gemeinhin gar nicht auf:
"Volk und Knecht und Überwinder, sie gesteh'n zu jeder Zeit: Höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit." Goethe
Ein Sotāpanna unterliegt diesem Irrtum nicht mehr.
Er hat einsehen gelernt, dass er, als er sich eine Persönlichkeit zulegte, einem Blinden vergleichbar war, der nach einem schönen Kleid Verlangen trug und nach "einem ölrussgeschwärzten Schinderhemde" Majjh. 75  griff. Ohne Illusion und ohne sich noch irgendwie täuschen zu lassen, erkennt und sieht er in klarer Selbst-Besinnung, dass er sich nur durch seine Verkoppelung mit der Persönlichkeit dem Leiden ausgeliefert hat und dass sie ihn in Wirklichkeit in einen Zustand versetzt hat, der in schreiendem Gegensatz zu ihm selbst steht. In ihrer unaufhörlichen Veränderlichkeit war sie das Tal der Tränen, in das er sich verirrt hat und dem er jetzt entronnen ist – das lecke Schiff, das ihn mit trügerischen Sinnenfreuden anlockte und das er jetzt verlassen hat – der Zwinger, in den er sich selbst einsperrte und dessen Tor er jetzt offen weiß. Eine wundersame Erleichterung hat von ihm Besitz ergriffen, die Larven-Hülle seiner Persönlichkeit ist durchschaut, er weiß, dass es nur eine Persönlichkeit ist und sonst nichts – im besonderen nicht sein Kernhaftes, nicht sein wahres Wesen.
Aus diesem beglückenden Wissen quillt ihm von nun ab "jene besondere Art von Kraft", deren er für das Begehen seines Hohen Pfades bedarf und die ihn mehr und mehr zur
"Erkenntnis der Lehre, zur Freude gelangen lässt, die mit dem Schauen und Erkennen der Lehre verbunden ist". Majjh. 48
Weil er sich innerlich stark genug fühlt, seine Verkoppelung mit der Persönlichkeit zu lösen, zieht er den ersten, aber nichtsdestoweniger endgültigen Trennungsstrich zwischen ihr und seinem wahren Wesen. Der unselige Hang, Persönlichkeit als sein Selbst zu glauben, hat sich, gleich einer Unheil kündenden schwarzen Wolke, im strahlenden Sonnenlicht reinen erkennenden Schauens aufgelöst, mit seiner Herrschaft ist es für immer vorbei, und zum ersten Male weiß er sich als Sieger.  

313.  Inwiefern hat ein Sotāpanna den Zweifel verloren?
Seine Einsicht in die Wahrheit der Buddhaworte ist so groß, das eigene religiöse Erleben bereits so lebendig, dass ihm als Frucht seines Mühens das vollkommene Vertrauen zum Buddha, seiner Lehre und der Gemeinschaft seiner erlesenen Jünger geworden ist: "Meister ist der Erhabene, Jünger bin ich. Der Erhabene weiß, ich weiß nicht." Majjh. 10
Wo aber vollkommenes Vertrauen ist, da besteht kein Nährboden mehr für Zweifel und Unsicherheit.
So wird uns beispielsweise vom Aussätzigen Suppabuddha, der nach dem Anhören auch nur einer einzigen Buddharede den Stromeintritt erlangte, berichtet, "er erreichte die Lehre, erkannte die Lehre, durchdrang die Lehre, überwand jeden Zweifel, wurde frei von aller Ungewissheit und, was die Lehre betrifft, unabhängig von anderen." Ud. V,3
Dieses Vertrauen ist für einen Sotāpanna zur unerschütterlichen Selbstsicherheit geworden, "die Berge versetzen kann". Sie beruht "auf jener wirklichkeitsgemäßen Anschauung, die ihm durch das Begehen des Pfades geworden ist und von der er weiß, dass sie nicht außerhalb der Botschaft eines Vollkommen-Erwachten zu finden ist" Majjh. 48.
"Wie ein Stadttorpfosten, fest in die Erde gerammt, von den vier Winden nicht erschüttert werden kann, dem vergleichbar nenne ich den wackeren Mann (Sotāpanna), der die vier Hohen Wahrheiten erkannt hat." Su. 229

314.  Worin besteht die Freiheit eines Sotāpanna vom Hang zu religiösen
         Zeremonien und Gebräuchen?
Gemeint ist hier natürlich das Hängen an Zeremonien und Gebräuchen als an einem in sich selbst begnadeten Heilswege. Sie sind dann nicht mehr bloße Hilfsmittel, um zu einem konzentrierten Geiste zu gelangen. Dieses Hängen an religiösen Zeremonien und Gebräuchen, die als in sich heilsnotwendig angesehen werden, entspringt im besondern der Neigung des Menschen, auf eine verhältnismäßig leichte Art und Weise sein Heil wirken zu wollen.
Sich allein der Wirkung von Zeremonien anzuvertrauen ist auf alle Fälle leichter, als die Herbeiführung einer Charakteränderung auf Grund eigener Anstrengung und eigenen Mühens. So war das Priestertum der damaligen Zeit ganz versessen auf die genaueste Einhaltung aller religiösen Zeremonien und Gebräuche, die bloß bei peinlichster Beobachtung die Wirksamkeit der Opfer garantierte.
Es sei hier an die blutigen Tieropfer erinnert, die, wie es oft in den Reden dargestellt wird, selbst das Entsetzen derjenigen waren, die sie ausführen mussten:
"So viele Stiere sollen erschlagen werden, um des Opfers willen, so viele Ochsen, so viele junge Kühe, so viele Ziegen, so viele Schafe sollen erschlagen werden um des Opfers willen, so viele Bäume sollen gefällt werden als Pfosten zu dienen, so viel Gras soll gemäht werden, um damit die Opferstätte zu bestreuen!" Majjh. 51
Nicht zu vergessen die Zeremonie des Badens in heiligen Flüssen, das Besprengen mit heiligem Wasser und die zahlreichen Observanzen, an die jeder fromme Brahmane gebunden war.
Ein Sotāpanna aber weiß, dass er das Heil nur in sich selber findet und auf dem Wege der Freundschaft, und in erhöhter Form der Güte, zu einer vollkommenen Umstimmung des Gemütes gelangt. So lässt er denn freudigen Herzens auch diese dritte Fessel als unnötig erkannten Ballast fallen.

315.  Kann jeder Mensch den Stromeintritt verwirklichen?
Er steht jedem offen, insofern er "weder durch Taten noch durch Verderbtheiten, noch durch die Reife unheilvoller Taten gehemmt ist, wenn er voller Vertrauen ist, willensstark, verständig, fähig, den Hohen Pfad zu gewinnen." Majjh. 51
Sind diese Voraussetzungen gegeben, ist also der Weg der Sīlas im Sinne der "Göttlichen Zustände" insoweit verwirklicht, dass man zu einem Sīlavata, einem sittlichen Anhänger, geworden ist, so besteht kein Hindernis für die Verwirklichung des Hohen Pfades.

316.  Spielen beim Hohen Pfade auch die Veranlagungen des Einzelnen
         eine Rolle?
Ja. Wie sehr der Buddha den inneren Menschen anzusprechen wusste, zeigt sich darin, dass er ausdrücklich betont, der Pfad könne je nach Veranlagung eines Menschen gegangen werden. So mögen für den Einen, neben einem unerlässlichen Maß von Vertrauen, die selbst gewonnene Einsicht und die eigene Erkenntnis zur inneren Richtschnur werden, die ihn unbeirrbar seinen Weg gehen lässt:
"Die vom Vollendeten dargelegten Wahrheiten werden ihm allmählich zur Weisheit und er besitzt solche Fähigkeiten wie:
Vertrauen, Energie, Besonnenheit, Konzentration und Weisheit." Majjh. 70
Selbst derjenige, "der erst auf dem Wege ist, die Frucht des Stromeintrittes zu pflücken", ist bereits ein Sotāpanna zweiten Grades und wird infolge seiner Hingabe an die Weisheit ein "Wahrheitsergebener", ein Dhammānusārin, genannt. Die Frucht aber hat er gepflückt, wenn er sich von den drei vorher genannten Fesseln befreit weiß.
Für einen Menschen mit anderer Veranlagung mag das auf Erkenntnis beruhende lebendige Vertrauen in die Drei Juwelen zum inneren Licht werden, das ihm den Pfad erleuchtet, ihn anspornt und weiterführt. Ihm eignen "Vertrauen und Liebe zum Vollendeten", denen er sich ganz anheimgibt und die für ihn zum Nährboden der Entfaltung von Energie, Besonnenheit, Konzentration und Weisheit werden Majjh. 70.
Derjenige, der auf dem Wege ist, diese Eigenschaften in sich zu entwickeln, ist ein Sotāpanna zweiten Grades, ein "Vertrauensergebener", ein Saddhānusārin, der mit dem Abfallen der ersten drei Fesseln gleichfalls die Frucht gepflückt hat und damit zu einem vollkommenen Sotāpanna geworden ist.
"Wer, sowohl als Wahrheitsergebener wie auch als Vertrauensergebener – infolge des Einblicks in das Nibbāna – der ganzen Zahl der Weltlinge, der Familie der Weltlinge, dem Kreis der Weltlinge, der Bezeichnung eines Weltlings entrinnt und eintritt in die Zahl der Erlesenen, die Familie der Erlesenen, den Kreis der Erlesenen und die Bezeichnung eines Erlesenen erhält: Diesen Menschen bezeichnet man als Anwärter auf Heiligkeit." Pugg. Paññ. 10

317.  Gibt es Fälle, in denen der Buddha nicht nur an die Erkenntnis des
         Zuhörenden, sondern im besonderen auch an sein Gemüt appelliert?
Ja. Es sei hier an den schönen Bericht erinnert, wo selbst Ānanda den Meister bittet, Roja, einen dem Buddha fremd gegenüberstehenden Edelmann aus dem Hause der Maller, zu seiner Lehre zu bekehren:
"'Das ist nicht schwer für den Vollendeten, o Ānanda, zu machen, dass Roja, der Malla, für diese Lehre und diese Ordnung gewonnen werde.' Und Roja, der Malla, von dem Erhabenen mit seiner Kraft der Güte getroffen, ging, wie eine Kuh ihr junges Kalb sucht, von einem Haus zum andern, von einer Zelle zur andern und fragte die Mönche: 'Wo, ihr Ehrwürdigen, weilt jetzt der Erhabene, der heilige, höchste Buddha? Ich begehre ihn zu sehen, den Erhabenen, den heiligen höchsten Buddha.'" Mahāv. VI, 3, 6, 4
Anderweit wird uns vom Thera Cullapanthaka berichtet, dass er, ehe er den Heilsweg gewann, nur langsam in der Erkenntnis fortschritt. Bei den Leuten genoss er wenig Achtung und eines Tages jagten ihn seine Mitmönche als einen ausgemachten Dummkopf aus dem Klostergarten. Während er nun völlig verzweifelt am Tor des Klostergartens lehnte, näherte sich ihm der Meister. Als er den Unglücklichen erblickte, ging er auf ihn zu und "mit sanfter Hand berührte er sein Haupt". Dann nahm er ihn eigenhändig am Arme, führte ihn angesichts der versammelten Mönchsgemeinde wieder in den Klostergarten zurück und gab ihm eine in wenigen Worten gehaltene Belehrung. Für Cullapanthaka war diese Äußerung der Güte und des Erbarmens seines Meisters, mit der er gerade ihn auszeichnete, ein gewaltiges Erleben, das seine Wirkung nicht verfehlte: Er gewann Selbstvertrauen und in kurzer Zeit hatte er sich nicht nur magische Macht und die Erinnerung früherer Lebensläufe zu eigen gemacht, sondern er war "zu einem echten Sohn, des Erhabenen geworden", der die Botschaft seines Meisters verwirklicht hatte Therag. 557-566.

318.  Kann man, mitten im Weltleben stehend, den Stromeintritt verwirklichen?
Ja. Denn der in der Buddhalehre aufgezeigte Pfad – sei es der Pfad der Freundschaft, sei es der Höhere Pfad – ist ein Weg, der gerade im Alltag seine Bewährung finden muss, gleichviel ob dieser ein freundliches oder unfreundliches Gesicht trägt.
Jetzt, eben in diesem Augenblick, muss der Pfad in mir erweckt und entfaltet werden, jetzt muss er stärker sein als die finsteren Mächte der Gier, des Hasses und der Verblendung, die gemeinhin das Leben beherrschen. Es gibt keinen Buddhapfad, der nur sonntags da wäre und erst nach getaner Arbeit beginnen wurde. Der Meister gibt dafür folgendes feinsinnige Gleichnis:
"Wie eine Mutterkuh, während sie weidet und Kräuter isst, immer ihr junges Kalb im Auge hat, so auch, ihr Jünger, ist es die besondere Art des mit rechter Anschauung ausgestatteten Menschen (= Sotāpanna), dass er, indem er gewissenhaft die mannigfaltigen Dinge erledigt, die getan werden müssen, sich (zugleich) in ernstem Streben um Hohe Sittenreinheit müht, um Hohe Konzentration und Hohe Weisheit." Majjh. 48
So mag das Leben eines Menschen, von außen her gesehen, einem weltlichen Pfade gleichen, von innen her gesehen aber ist es der überweltliche Pfad eines Sotāpanna.
Freilich, eines gilt es zu bedenken: So notwendig die schrittweise Entfaltung des Pfades im täglichen Leben ist, so sind doch der stille Winkel und die Meditation die Heimstatt, aus der uns das Höchstmaß unserer Kräfte wird. Wer der Aufforderung des Meisters, "einsam, abgeschieden, unermüdlich, in heißem, innigem Ernste zu verweilen" (Vergl. Majjh. 145), nicht Folge leisten zu müssen glaubt, dessen Pfad wird immer nur ein weltlicher Pfad bleiben, er wird niemals zu einem überweltlichen Pfad ausreifen, der uns das beseligende Glück eines inneren In-sich-Geborgenseins gibt.

319.  Gibt der Kanon Beispiele von Menschen, die, im Weltleben stehend, fähig
         waren den Hohen Pfad zu gewinnen?
Es gibt deren sogar sehr viele, sowohl von Männern als auch von Frauen, ungeachtet welchen Standes und welchen Bildungsgrades sie auch sein mochten. Ja, die Fähigkeit, das Leben zum Hohen Pfade zu machen, gehört zu den auszeichnenden Merkmalen eines Sotāpanna Majjh. 48.
Hier sei, um nur ein Beispiel zu geben, an den reichen Kaufmann Sudatta erinnert, der den Ehrennamen Anāthapindika, d.h. Almosenspender, trug. Sein ganzes Leben war vom Geist der Hohen Lehre getragen und seine durch sie gefundene geistige Ausrichtung ließ ihn selbst unter den größten Schmerzen und angesichts des nahenden Todes in tiefer Ergriffenheit einer Satipatthāna-Betrachtung lauschen. Als ein "erlesener Jünger", der zumindest die erste Etappe des Heilsweges, den Stromeintritt, erreicht hatte, erschien er nach dem Tode seines Körpers in einer hohen Lichtwelt, um von dort aus dem Großen Friedenszustand des Nibbāna, entgegenzuwandeln. Majjh. 143

320.  Weiß ein Sotāpanna, dass er im Besitz des Stromeintrittes ist?
Ja. Und zwar weiß er es mit "vollendeter Selbstsicherheit", die kein Schwanken kennt, keinen Zweifel. Diese Gewissheit kommt ihm nicht von außen, sondern ganz und gar von innen, von dort, wo sich das Ungeborene, das Ungewordene verbirgt. Aus ihm entspringt auch jene "besondere Art von Kraft", die unmöglich Scheinendes möglich machen kann: "Gesetzt, ein Mensch befände sich auf dem Wege, das Ziel des Stromeintrittes zu verwirklichen, und es sei gerade die Zeit des Weltbrandes, so würde, bevor dieser Mensch nicht das Ziel des Stromeintrittes erreicht hat, die Welt nicht in Brand geraten." Pugg. Paññ. 20
Wer glaubt, im Weltgeschehen nur einen Spielball blinder Kräfte oder eine bloß physische Kausalität erblicken zu können, dem sind freilich die oben gesagten Buddhaworte unverständlich. Wer aber auf Grund eigenen Erlebens erkannt und gesehen hat, dass nicht der Zufall, auch nicht die physische Kausalität, sondern die moralische Kausalität als Ausdruck der moralischen Weltordnung das Weltall regiert und beherrscht, für den sind die vom Buddha gesprochenen Worte selbstverständlich. Nicht die Welt schafft die Wesen und die sie beherrschenden Gesetze, sondern die Wesen schaffen sich ihre Welt, deren oberstes Gesetz die moralische Kausalität ist. Deshalb gibt es aber auch kein anderes Ereignis im unendlichen Kosmos, das an Größe und Einmaligkeit der Großen Umkehr eines Wesens auf dem Wege des Heraustrittes aus dem Samsāra gleichkäme. Der innere Guru – unser wahres Selbst – hat die Steuerung übernommen, der rettende Hafen ist in Sicht.
Diese einem Sotāpanna eignende unerschütterliche Heilsgewissheit lässt ihn auch in die triumphierenden Worte ausbrechen:
"Entronnen bin ich der Hölle, entronnen den Abgründen des Daseins, bin eingetreten in den Strom, der höchsten Erwachung gewiss!" Sam. LV, 13
"Freilich, welch unbeschreibliche Glücksempfindung diese Worte in dem neuen Sotāpanna aufwogen lassen, kann nur der einigermaßen verstehen, der ahnt, welche Unsumme von namenlosem für den Sotāpanna nun überstandenem Elend sie andererseits in sich bergen." Georg Grimm, "Der Buddhaweg für Dich", S. 126

321.  Wie oft wird ein Sotāpanna noch wiedergeboren?
Es wird von ihm selbst abhängen, ob er langsam oder rasch vorwärts schreitet. Im äußersten Falle nennt der Buddha die Zahl von sieben Existenzen:
"Noch sieben Mal unter Göttern und Menschen die Geburten durchwandernd, macht er dem Leiden ein Ende." Pugg. Paññ. 37
"Gleichwie etwa ein Sandhaufen, sieben Bohnen hoch, gegen den Himālaya, den König der Berge, nicht gezählt, nicht gerechnet, nicht verglichen werden kann, so auch kann das Leiden, das diesem Jünger noch bevorsteht, gegen das, was hinter ihm liegt, nicht gezählt, nicht gerechnet, nicht verglichen werden." Sam. LVI, 49, 50
Wer den Stromeintritt erreicht hat, ist sich selbst zu einer Insel des Friedens geworden, die zwar noch von mancher Woge bespült wird, aber niemals mehr unter Wasser geraten kann. Er ist beseligt, den Pfad gefunden zu haben, "der zum Wohlwollen führt, zur Eintracht führt, zur Ehrerbietung führt (gegenüber denen, die Ehrerbietung verdienen), zum Fehlen von Streitigkeiten, zur Harmonie, zum Frieden." Majjh. 48
Er ist zu einem wirklichen Glückbringer geworden für sich und die andern, gleichviel ob um ihn mörderische Panzer die Erde verwüsten und Bomben die Luft vergiften. Aus der Stille einsamen Verweilens drang zu ihm der Ruf, heimzukehren zu sich selbst. Er hat diesem Rufe Folge geleistet, er hat "angeklopft an das Tor der Ewigkeit" und der Riegel hat sich geöffnet:
"Gleichwie etwa, Mahānāma, einer Henne, deren Eier, acht oder zehn oder zwölf an der Zahl, wohl bebrütet, gänzlich ausgebrütet, völlig gar gebrütet sind, nicht der Wunsch kommen würde: 'Ach möchten doch meine Küchlein mit den Krallen oder dem Schnabel die Eischale aufhacken, möchten sie doch heil durchbrechen', denn diese Küchlein gehören zu jenen, die fähig sind heil durchzubrechen: Ebenso auch, Mahānāma, wird der erlesene Jünger… der auf dem Wege des Kämpfers ist, dem (geistige) Gesundheit eignet, fähig zur Durchbrechung, fähig zur Erwachung, fähig die unvergleichliche Sicherheit vor neuer Verkoppelung zu finden." Majjh. 53


[1]  Wohl gemerkt, es handelt sich hier um den äußeren Menschen, der als Persönlichkeit, als das "kleine empirische Ich", in Erscheinung tritt, nicht aber um sein wahres Wesen (attā), in dem die Tathāgata-Natur beschlossen liegt.

Fortsetzung folgt.